Ein Gastbeitrag von Sonja Flohr

Wie oft hört man, dass man einen Hund der Angst hat, ignorieren sollte. Der Grund: Man würde die Angst bestätigen und dadurch noch schlimmer machen.

Entschuldigung für meine klaren Worte, aber das ist totaler Blödsinn! Ja, dieses Thema trifft bei mir auf einen wunden Punkt. Natürlich habe auch ich das gehört und gelesen. War auch kein Problem, solange ich nur Hades hatte, der hat nämlich keine Ängste.

Als dann aber Hera in mein Leben trat, die alle möglichen Ängste hatte, habe ich sie selbstverständlich in solchen Situationen ignoriert. Sie saß zum Beispiel bei Gewittern zitternd, hechelnd und speichelnd neben mir und starrte mich hilfesuchend an.

13240671_582616698566039_8182635076493328089_nAls sie dann eines Tages nicht mehr zu mir kam um Schutz zu suchen, sondern sich zurückzog und versuchte sich irgendwo zu verstecken, kam bei mir der Gedanke auf, dass das nicht richtig sein konnte. Ich möchte, das mein Hund zu mir kommt, wenn er ein Problem hat, und ich möchte ihm so gut wie es geht helfen. Ich habe nachgedacht und beschlossen, dass die Ängste nicht mehr schlimmer werden können und ich das Experiment, Hera zu trösten, wenn sie Angst hat, wagen kann.

Ich bin beim nächsten Angst auslösenden Reiz zu ihr gegangen, habe sie gestreichelt, gehalten und mit ihr gesprochen. Hera hat nicht aufgehört zu hecheln. Sie hatte nicht plötzlich keine Angst mehr, aber was ganz deutlich zu sehen war, als der Angst auslösende Reiz vorbei war, sie kam VIEL SCHNELLER wieder zur Ruhe!

Also habe ich es weiterhin so gehandhabt. Nachdem ich die ersten paar Mal zu ihr gehen musste, kam sie dann auch wieder von sich aus zu mir, wenn sie Angst bekam. Sie wusste, dass ihr das gut tut, dass ich sie verstehe, dass ich sie NICHT ignoriere. Und sie beruhigte sich nach dem Gewitter immer schneller.

Als ich sie ignorierte, hat sie oft eine gute Stunde gebraucht, bis sie aufhörte zu zittern, zu hecheln und es schaffte, sich mal hinzulegen. Mittlerweile kann sie während eines Gewitters liegen, und sie kommt VOR Ende des Gewitters schon wieder in den Normalzustand. Zudem rennt sie, wenn es beim Gassi gehen knallt, nicht mehr kopflos weg, sondern dreht sich nach einem Satz sofort zu mir, um sich an mir zu orientieren.

Was passiert, wenn Ihr Euren ängstlichen Hund streichelt?

Zuwendung von Sozialpartnern und Körperkontakt senken den Blutdruck und die Atemfrequenz durch spezielle Hormone, die den Stresshormonen entgegenwirken. In Studien wurde bewiesen, dass bei Hunden (wie auch bei ihren Haltern) der Hormonspiegel und der Spiegel bestimmter Neurotransmitter von zum Beispiel Oxytocin, Prolactin und Beta-Endorphin beim Streicheln anstieg – allesamt Substanzen, die mit Wohlgefühl und sozialer Bindung zu tun haben.

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Die Angst gegenkonditionieren, geht das?

Durchaus kann man Ängste auch klassisch gegenkonditionieren. Einem Hund der vor fremden Menschen Angst hat, können Besucher zum Beispiel Leckerchen hinwerfen. Nein, die Angst wird nicht stärker werden, der Hund wird fremde Besucher mit etwas positiven Verknüpfen. Erstmal fühlt es sich vielleicht befremdlich an, einen Hund Leckerchen hinzuwerfen, wenn er zum Beispiel knurrt. Wenn er aber aus Angst knurrt, hilft es ihm, den Besucher mit etwas positivem zu verbinden. Wichtig hierbei ist, dass der Hund aus Angst heraus handelt, und nicht etwa knurrt, weil er zum Beispiel eine Ressource verteidigt. Denn dann würde das Verteidigen der Ressource noch bestärkt werden. Die Besucher müssen genügend Abstand halten und dürfen den Hund nicht bedrängen, und es gilt, besonders schmackhafte Leckerchen zu nutzen. Auch sollte jederzeit für den Hund eine Rückzugsmöglichkeit bestehen. In dieser Situation kann es dem Hund zusätzlich helfen, wenn der Halter ihn streichelt, denn wie oben schon geschrieben, kann der Stress durch das Streicheln gemildert werden.

Kann man Angst verstärken?

Ja, kann man. Der einzige Punkt, der einen ängstlichen Hund noch ängstlicher werden lässt, ist wenn Ihr selbst Angst habt. „Gefühlsansteckung“ ist der ethologische Fachbegriff für die Ausbreitung von Angst innerhalb einer Gruppe, und diese ist unter sozial veranlagten Arten weit verbreitet.

Ihr könnt die ganze Situation beruhigen, indem Ihr Euch auf Euren Körper konzentriert, verlangsamt Eure Atmung und Eure Bewegungen, nehmt eine entspannte und Vertrauen ausstrahlende Körperhaltung ein, und sprecht leise und langsam (wenn Ihr überhaupt sprecht). Diese Aktionen haben den Effekt, sowohl Eure eigenen Gefühle, als auch die Eures Hundes zu verändern. Je ruhiger Ihr zu sein vorgebt, desto ruhiger werdet Ihr Euch tatsächlich fühlen.

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Was kann ich machen wenn mein Hund Angst hat?

  • Berühren – Streicheln, Massieren, Tellington Touch, wichtig hierbei ist, den Kontakt IMMER aufrecht zu halten. Nehmt die Hände nicht vom Hund um wieder neu anzusetzen.
  • Beschäftigen – Tricks machen
  • Leckerlis werfen, etwas zu kauen geben (kauen reduziert Stress)
  • Kontaktliegen
  • Eine Höhle anbieten, zum Beispiel aus Decken

Überlegt Euch jedoch immer, was Euer Hund mag, was gefällt ihm besonders gut. Es bringt gar nichts, dem Hund einen Punkt von der Liste aufzuzwingen, weil er hier steht. Es muss zu Eurem Hund passen. Mein Jack Russel Terrier Hades würde bei Angst wohl Kontaktliegen oder Tricksen wollen, er wäre jedoch nicht begeistert gestreichelt zu werden. Hera macht gerne Tricks, wird gerne gestreichelt und liegt Kontakt. Sie wird auch gerne ganz fest gehalten, was Hunde normalerweise nicht so gerne mögen, aber in solchen Situationen liegt sie oftmals wirklich in meinem Arm, will den Kopf gehalten haben, oder wir sitzen uns Arm im Arm gegenüber, und sie hat ihren Kopf auf meiner Schulter abgelegt.

Was ängstliches Verhalten begünstigen kann

  • schlechte oder keine Sozialisierung
  • Traumata
  • Sozialpartner die selbst Angst haben
  • zu wenig Bewegung
  • zu wenig geistige Auslastung
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • Fehlernährung
  • Kastration

Vielen lieben dank Sonja, für diesen wirklich aufschlussreichen Beitrag. Ich finde es klasse, dass Du für Dich und Hera einen Weg gefunden hast, um Ihre Angst zu lenken. Ich wünsche Euch noch eine wunderschöne gemeinsame Zeit.

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Mehr von Sonja findet Ihr auf Tatort Hundeleben

 

 

 

 

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Posted by:Kleine Hundeschnauzen

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